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(Jahrgang
1964) heißt eigentlich Carsten Kulla und lebt im ostwestfälischen Bad
Oeynhausen. Obwohl der gebürtige Wuppertaler bereits im Alter von 15 Jahren
zum ersten Mal als Liedermacher auf der Bühne stand, musste er sich nach
Abitur und Zivildienst zunächst als Student der Erziehungswissenschaften
und dann als Diplom-Pädagoge in der Ambulanten Behindertenhilfe im
mittelhessischen Marburg durchschlagen, bevor er im Frühjahr 2010 nach
Ostwestfalen umzog und arbeitslos wurde, sich von nun an also endlich
„Profi-Liedermacher“ nennen durfte.
Seine neue Karriere verlief allerdings zunächst äußerst schleppend,
da er, um sein Arbeitslosengeld nicht zu gefährden, fleißig Bewerbungen
schrieb und außerdem an einer dieser „Maßnahmen“ teilnahm, die zwar
niemanden dauerhaft in angemessen bezahlte Arbeit vermitteln, aber die Zahl
der Arbeitslosen um bis zu 6 Millionen verringert, weil die TeilnehmerInnen an solchen „Maßnahmen“ statistisch
nicht mehr als arbeitslos geführt werde. Nach diesem Beitrag zum Aufschwung
und einem dreimonatigen Intermezzo als Krankheitsvertretung in der
Stationären Jugendhilfe ist cARSCHti seit Februar
2011 wieder arbeitslos, diesmal sogar statitisch.
Er schreibt weiterhin fleißig seine Bewerbungen als Diplom-Pädagoge, träumt
weiterhin von seiner beruflichen Zukunft als „Profi-Liedermacher“ und
steuert dabei vielleicht geradewegs auf Hartz IV zu.
Wie konnte es dazu kommen?
In den späten Abendstunden des Nikolaustages 1964 erblickt cARSCHti das Licht der
Welt, bzw. das grelle Licht eines Wuppertaler Kreißsaals – gerade noch
rechtzeitig, denn er ist ein „Sonntagskind“. Entsprechend wohlbehütet
wächst er in Wuppertals südlichstem Ortsteil Sudberg
auf, der im Volksmund auch „das Ende der Welt“ genannt wird. Erst nach der
Einschulung 1971 lernt er mehr von der Welt kennen, kommt in den Genuss
musikalischer Früherziehung durch einen
pensionierten Musiklehrer, der ihm nicht nur Blockflöte und
Akkordeon beibringt, sondern auch spannende Anekdoten aus zwei Weltkriegen
in scheinbar aller Herren Länder erzählt. Auf diese Art von Bildung möchte cARSCHti auch nach seinem Wechsel auf’s
Gymnasium 1975 nicht verzichten und besucht weiterhin diesen
Musikunterricht, der ihn motiviert, zusammen mit einigen Klassenkameraden
seine erste Band „The broken Legs“
zu gründen, die am Rosenmontag 1976 während einer Klassenfete ihren ersten und einzigen
Auftritt feiert. 1977 besinnt sich cARSCHti seiner
sportlichen Talente und tritt nicht nur der Fußballabteilung des „SSV 07 Sudberg“ bei, sondern auch den „Schachfreunden Vonkeln“, wo bereits Vater und Brüder seit geraumer
Zeit aktiven Leistungssport betreiben. Die Fußballkarriere findet nach
steten Niederlagen und tränenreichen Auswechslungen ein schnelles Ende,
aber im Schach wird cARSCHti 1978 immerhin Wuppertaler Vize-Stadtmeister seiner Altersklasse.
Im Mai 1979 wird cARSCHti konfirmiert und
wenige Monate später von einem Schachfreund in dessen baptistische
Jugendgruppe mitgenommen, wo angeblich mehr Mädchen geben soll als in der
Jugendabteilung des Schachvereins. Er findet zwar nicht, wie erhofft,
sofort eine Freundin, aber innerhalb kürzester Zeit zum Glauben, so dass er
am Ende des Jahres zum zweiten Mal getauft und selbst Baptist wird. In
dieser Gemeinde lernt er außerdem den Liedermacher Michael Hahn kennen,
einen abtrünnigen Ex-Baptisten, der dank der Aufgeschlossenheit des neuen
jungen Pastors seine sozialkritischen Songs über gesellschaftlichen Abstieg
und Alkoholismus in einem Konzert zum Besten geben darf. cARSCHti ist tief beeindruckt und beschließt, selbst
Liedermacher zu werden und Gitarre spielen zu lernen. Mit nie gekanntem
Ehrgeiz quält er sich auf einer alten Wandergitarre durch die ersten
Gitarrengriffe und vernachlässigt dabei sogar so sehr die Schule, dass er
im folgenden Sommer nicht versetzt wird, also sitzenbleibt.
Doch am 5. Oktober 1980 ist es endlich soweit. Im Rahmen einer Jugendevangelisation
in seiner eigenen Gemeinde tritt cARSCHti zum
ersten Mal öffentlich als Liedermacher auf, und zwar mit dem
selbstgeschriebenen Song „Popper, Punker, Progressive“. Angespornt durch
diesen Erfolg traut er sich keine zwei Wochen später vor ein Publikum von
mehreren hundert freikirchlichen Jugendlichen beim Talentschuppen der Gospelnight in Leichlingen-Weltersbach.
Er tritt wiederum in modischem Bühnen-Outfit, bestehend aus „Blaumann“ und
alter Wandergitarre, auf die Bühne, trägt wiederum sein Erstlingswerk vor,
diesmal allerdings nicht, ohne sein Instrument vorher mit Hilfe einer
Kombizange, die er zum Erstaunen des Publikums aus seiner Latzhose zaubert,
nachzustimmen. Bei seinem zweiten Auftritt bringt er junge Menschen damit
nicht mehr nur zum christlichen Glauben, sondern auch zum Lachen.
So wird cARSCHti, der noch nicht
annähernd über ein abendfüllendes Bühnenprogramm verfügt, Anfang 1981 für sein erstes Solokonzert in der
Ev. Freik. Gemeinde Ratingen engagiert. Immerhin
strecken ihm seine Eltern das Geld für eine richtige Gitarre vor. Er kauft
sich seine bis heute heißgeliebte Yamaha FG-335, geht in den darauf
folgenden Osterferien als Produktionshelfer in einer Zangenfabrik zum
ersten Mal im Leben arbeiten und begleicht mit dem Lohn nicht nur die
Schulden bei seinen Eltern, sondern knüpft dadurch auch lebenslange Bande
zu seiner Gitarre. Während der folgenden Wochen und Monate bekommt cARSCHti dann auch immer häufiger Gelegenheit, sein
umfangreicher werdendes Repertoire vor Publikum zu präsentieren, weil ihn
sein Gemeindepastor und Mentor Reinhard Dorra,
der als genialer Prediger immer wieder für Evangelisationen gebucht wird,
als „Vorprogramm“ engagiert wird.
Alles hätte so harmonisch weiterlaufen können, aber 1982 tobt in Wuppertal der Straßenkampf. Samstag für Samstag
versammeln sich in der Fußgängerzone Punks aus ganz NRW und stören den
„Normalbürger“ beim Shoppen, ebenso wie Obdachlose und Straßenmusiker. Da
solch ein störender Aufenthalt laut städtischer Verordnung inzwischen
strengstens verboten ist, versammeln sich Samstag für Samstag auch
Hundertschaften Polizei in der Wuppertaler Fußgängerzone, um die
Störenfriede nieder zu knüppeln. Und Samstag für Samstag wird die Straßenmusik-Combo
„Fortschrott“ dafür verhaftet, dass sie mit ihren musikalischen Mitteln
dagegen protestiert. Als cARSCHti im Sommer
seinen letzten Urlaub mit den Eltern in Berlin verbringt, ist der davon
zutiefst beeindruckt. Und als er einem Straßenmusiker auf dem Ku’damm
zuhört, beschließt er, selbst Straßenmusiker zu werden. Der erste Versuch
auf dem Ku’damm endet jedoch aufgrund der Lautstärke des Straßenverkehrs
kläglich, so dass er den zweiten Versuch in einer U-Bahn-Station startet.
Auch hier stößt er zunächst nicht auf allzu große Resonanz, aber als sich
nach kurzer Zeit mehrere Polizei-Hundertschaften und ein paar BVG-Beamte um
ihn versammeln, weil Straßenmusik in Westberliner U-Bahn-Stationen noch
strenger verboten ist als Punk und Obdachlosigkeit in der Wuppertaler
Fußgängerzone, versammelt sich in nicht minder kurzer Zeit ein Publikum,
das den jugendlichen Künstler engagiert und lautstark vor der Staatsmacht
in Schutz nimmt.
Davon ermutigt wagt cARSCHti am
Pfingstsamstag 1983 seinen ersten Auftritt in der DDR, allerdings nicht in
einer Fußgängerzone oder U-Bahn-Station, sondern bei einem baptistischen Jugendgruppentreffen in Berlin-
Weißensee. Immerhin lässt ihn die dortige Staatsmacht gewähren, so dass er
in den folgende Jahren häufiger in freikirchlichen
Gemeinden des Arbeiter- und Bauernstaats auftreten wird. Im Sommer geht er
zum ersten Mal auf Straßenmusik-Tour durch Norddeutschland und Dänemark,
und der Herbst ist auch für ihn vor allem durch die Großdemonstrationen der
Friedensbewegung geprägt. cARSCHti engagiert sich
aber nicht nur gegen die Stationierung US-amerikanischer
Mittelstreckenraketen, sondern setzt sich zusammen mit den Redaktions-KollegInnen seiner Schülerzeitung „Chaos“ auch dafür
ein, das humanistische Wuppertaler „Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium“
in „Friedrich-Engels-Gesamtschule“ umzubenennen und umzuwandeln. Obwohl
diese Forderung durchaus berechtigt ist, da Herr Engels in seiner Jugend
tatsächlich als Schüler dieser Lehranstalt in den Genuss von Latein und Grichich als Erstfremdsprache gekommen war, stößt sie
nicht unbedingt bei der gesamten Stadtbevölkerung auf Gegenliebe, besonders
nicht bei den Lehrern von cARSCHtis
Proleten-Gymnasiums im Schulzentrum Süd, deren Kinder es einmal besser
haben sollen als jene, die von ihnen unterrichtet werden.
Das „Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium“
bleibt also bestehen, und ungeachtet aller Proteste sind 1984 bereits die ersten Pershing-II-Raketen in der BRD
stationiert worden. cARSCHti muss sich
eingestehen, dass man in dieser freien Welt zwar fast alles (so lange es
nicht gegen die Schule der Kinder der eigenen Lehrer geht) sagen darf, dass
sich deshalb aber nicht zwangsläufig irgendetwas verändert, geschweige denn
verbessert. Trotzdem darf er im Frühjahr die ersten Früchte seines
politischen Engagements ernten und wird nicht mehr nur im
christlich-evangelikalen Umfeld gebucht, sondern darf mit seinen Liedern
nun auch Arbeitslosten-Treffs in Hagen und Iserlohn einweihen und beim
Sommerfest der Düsseldorfer AWO-Jugendberatung ein säkulares Publikum unterhalten.
Während einer Straßenmusik-Tour in den Sommerferien lernt er außerdem die
Würzburger Dichterin Wiltrud Bauer kennen, die ihm nicht nur ihre eigenen
Werke sondern auch die des walisischen Dichters Dylan Thomas näherbringt. cARSCHti ist davon derart begeistert, dass er exzessiv
beginnt, neben seinen Liedern auch eigene Kurzgeschichten und Gedichte zu
schreiben. Darin bestärkt wird er übrigens durch den Unterricht seines
Literatur-Lehrers Lothar Pfennig, der ihn im letzten Unterrichtshalbjahr am
Ende doch noch überzeugt, dass nicht alle Lehrer Kinder haben und diese auf
humanistische Gymnasien schicken müssen.
Als cARSCHti 1985 sein Abitur macht, steht für ihn fest, dass er
Schriftsteller werden will, oder zumindest Journalist. Doch zunächst muss er
seinen Zivildienst ableisten und tut dies in einer Wuppertaler Wohnstätte
für Erwachsene mit geistiger Behinderung. Nicht nur der Dienstrhythmus (1
Woche 80 Stunden arbeiten, die nächste Woche zu Ausgleich frei) gefällt
ihm, weil dieser ihm ermöglicht, jede zweite Woche zu verreisen, sondern
vor allem auch der persönliche Umgang mit diesem Personenkreis, zu dem er
bis dahin noch nicht allzu viel Kontakt hatte. So beschließt er 1986, Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Heil- und
Sonderpädagogik zu studieren, und als Studienort wählt er das
mittelhessische Städtchen Marburg, weil ihm ein Wohnstätten-Kollege, der
dort selbst Anfang der 70er studiert hat, Abend für Abend vorschwärmt, wie
die Studierenden Abend für Abend auf den Tischen getanzt hätten. An einem Sonntag in Juni reist cARSCHti in die Party-Metropole, um sich am nächsten
Morgen an der Philipps-Universität einzuschreiben. Am selben Abend wird er
jedoch noch auf eine Kultveranstaltung aufmerksam, wo er in den beiden
nächsten Jahrzehnten seine Heimspiele austragen wird, nämlich dem
legendären „Marburger Abend“, der Offenen Bühne im örtlichen Kulturladen
„KFZ“.
Zum Wintersemester nimmt cARSCHti
also sein Studium auf, bzw. das „Studentenleben“. Zwar tanzt auch in
Marburg niemand auf den Tischen, aber mit all den anderen „Erstis“, die ebenso wie er froh sind, dem „Hotel Mama“
entkommen zu sein, lässt es sich durchaus gut feiern. Und die meisten
davon, die ebenso wie er in spartanischen 9qm-Zellen im Studentenwohnheim
hausen, wollen sich spätestens zum Sommersemester verändern und mit ihm
eine ein Stück weit politisch korrekte Kommune gründen, irgendwie in der
Natur, aber zentral gelegen. Von den meisten bleibt aber nur eine
Mitinsassin übrig, mit der er im März 1987 in eine Bruchbude zieht, zwar nicht im Grünen, aber
immerhin „Am Grün“ in der Marburger Innerstadt. Zum Einzug gibt es Pall-Mall-Zigaretten und Asti
Spumante, zum Auszug nur noch Gift und Galle. Auch sein zweites Semester
verbringt cARSCHti also nicht nur nicht
hauptsächlich an der Uni, sondern auch nicht hauptsächlich zu Hause.
Stattdessen bewältigt er im Frühjahr und Sommer über 150
Straßenmusik-Auftritte. Es ist sein bis heute aktivstes Jahr als
Liedermacher. Nachdem er im Sommer nach misslungenem 2er-WG-Experiment mit
Frau in einer 3er-Männer-WG in einer Hochhaussiedlung am Marburger
Stadtrand umgezogen ist, beginnt er zu Beginn des Wintersemesters endlich
auch, sich intensiver seinem Studium zu widmen. Bestärkt wird er darin
durch nächtelange alkoholgeschwängerte Diskussionen am WG-Küchentisch, in
denen er Bekanntschaft mit Adorno und Habermas, ja sogar mit dem Frühwerk
des späteren Attac-Gründers und
Stuttgart21-Schlichters Heiner Geißler macht.
Zum 1. Mai 1988 reist cARSCHti nach Berlin und
nimmt endlich mal wieder an einer Großdemo teil.
Erich Honecker weiß dies zu schätzen und winkt ihm wohlwollend zu. Der
Staatsratsvorsitzende sieht ein wenig blass aus, aber sein sommerlicher
Strohhut lässt ihn lockerer rüberkommen, als er sich vermutlich in diesem
Moment fühlt. cARSCHti ahnt noch nicht, warum,
aber in seiner Strohhut-Euphorie lässt er sich weder durch Ochs‘ noch Esel
aufhalten, am Ende des Jahres mit seinen KommilitonInnen
die Revolution auszurufen und sämtlich Vorlesungen und Seminare am
Fachbereich zu bestreiken, um endlich die Anwesenheitspflicht abzuschaffen.
Die Alt-68er-ProfessorInnen sind begeistert, und sie unterstützen diese
Forderungen, weil sie sich durch ihre Anwesenheitspflicht bei
Lehrveranstaltungen mit Studierenden massiv in ihrem Forschungsauftrag
behindert fühlen. Außerdem solle man während des Studiums doch wenigstens
einmal an einem Uni Streik teilgenommen haben. Sie hätten schließlich
damals mit Rudi Dutschke auf der Barrikade gestanden und mit Andreas Baader
im Statistik-Seminar gesessen. Trotzdem entscheidet Bundesbildungsminister
Möllemann Anfang 1989, die Anwesenheitspflicht an den Universitäten der BRD
beizubehalten. Aber immerhin enden diese Studentenproteste nicht so blutig
wie die in Peking im Juni oder Möllemanns Fallschirmsprung 14 Jahre später.
cARSCHti
verarbeitet die Erfolglosigkeit seines Engagement, indem er zunächst sein
Vordiplom macht und in der mündlichen Prüfung zu hören bekommt, er wisse
mehr, als er verrate, und indem er danach ein Praktikum bei seiner späteren
Arbeitgeberin, der AG Freizeit e. V., ableistet. Er fährt im Sommer mit auf
eine Ferienfreizeit und lernt am letzten Abend ein neues Genre kennen, die
„Freizeitlieder“. Einer der Mitarbeiter ist nämlich Olaf Michelsen, ein in
den 70er Jahren in Marburg angesagter Liedermacher, und der hat zusammen
mit einem Kollegen mehrere Songtexte auf bekannte Melodien über Leute und
Ereignisse bei dieser Freizeit geschrieben, eine Tradition, die er seit
mehreren Jahren praktiziert. cARSCHti ist von der
Idee begeistert und fragt sich, warum er da nicht selbst drauf gekommen
ist. Im Herbst befasst er sich mit dieser Frage in seinem
Praktikumsbericht. Davon ist er so abgelenkt, dass er neuerliche Groß-Demos
nur am Rande und aus der Ferne wahrnimmt. Entsprechend freudig ist die
Überraschung, als zu seinem 25. Geburtstag unverhoffter Besuch aus der DDR
bei ihm auf der Matte steht. Von dem erfährt er, es habe eine unblutige
Revolution gegeben. Friedliche Demonstrationen hätten nicht nur den
Rücktritt Erich Honeckers sondern auch die Öffnung der Grenzen bewirkt. cARSCHti ist wiederum begeistert, dass man mit
politischem Engagement offensichtlich doch etwas erreichen kann. Doch diese
Euphorie weicht 1990 nach dem Ausgang der Volkskammerwahl im März, der
Einführung der D-Mark im Juli und dem Anschluss im Oktober einem Gefühl der
Ohnmacht, wieder einmal nicht gefragt worden zu sein. Auch die wenigen
Straßenmusik-Auftritte im Sommer werden für lange Zeit die letzten gewesen
sein.
So widmet sich cARSCHti 1991 seiner Diplomarbeit und jobbt schon nebenher in seinem künftigen
Beruf. Nach Ende seines Studiums hat er im August 1992 das Glück, gleich eine Festanstellung als Diplom-Pädagoge
zu finden, und zwar bei der AG Freizeit e. V., wo er drei Jahre zuvor
bereits Praktikum gemacht hatte. Im Herbst schreibt er dann auch die ersten
eigenen „Freizeitlieder“, von denen bis zu seinem Abschied über 100 weitere
folgen werden. Als er sich im Juli 1993 dann endlich auch die erste eigene Wohnung leisten kann und
nach 6 Jahren politisch korrekter Männer-WG ins berüchtigte Marburger
Bahnhofsviertel umzieht, ist sein Single-Glück jedoch nur von kurzer Dauer,
denn er verliebt sich unsterblich in eine hochbegabte Medizin-Studentin,
die erst den Hund ihrer Eltern, die in Urlaub fahren, während sie ihr
Studium mit Nachtwachen im Altenheim finanzieren muss, bei ihm probewohnen
lässt und dann nach und nach selbst bei ihm einzieht und ihren eigenen
Privatzoo mitbringt, so lange, bis er sie 1994 mit einem rauschenden Fest im Marburger Schlosspark
heiratet und im Oktober 1995, nachdem sie schon gedroht hatte, seine Spermienqualität
medizinisch überprüfen zu lassen, mit einem berauschenden Akt an einer
heidnischen Kultstätte schwängert. Da dem Ehepaar das Umfeld des Marburger
Hauptbahnhofs nicht unbedingt kindgerecht erscheint, zieht er im Frühsommer
1996
in das Keine-100-Seelen-Dorf Ilschhausen um, und
am 1. Juli erblickt cARSCHtis Sohn Milan das
Licht der Welt. Da die Gattin mittlerweile ÄiP
(Ärztin im Praktikum) ist und auch diesen letzten Schritt ihrer Ausbildung
noch erfolgreich bewältigen möchte, geht der Papa nach dem Mutterschutz in
Erziehungsurlaub. Ilschhausen ist schnell vermüllt, so dass die junge Familie fluchtartig ins
nordhessische Neukirchen am Knüll umzieht, wo die Klinik der Gattin eine
komfortable Dienstwohnung unterhält und vermietet. cARSCHti
verbringt mit dem kleinen Sohn u. a. viel Zeit auf dem Spielplatz, wo er
sich tagtäglich von alles besser wissenden
Müttern, deren Ehemänner niemals Erziehungsurlaub nehmen würden, sondern
anständig arbeiten gehen, anhören muss, dass Väter eben doch nicht die
besseren Mütter sind. So ist er ganz froh, als die Gattin 1997 nicht von ihrer Klinik übernommen wird und es im Juni
zurück Richtung Marburg geht, bzw. ins ca. 17 km entfernte Dörfchen Treisbach. Im Juli nimmt er wieder seine Arbeit bei der
AG Freizeit e. V. auf, wo auch der junge ZDL Stefan Eilers, der gerade mit
Begeisterung begonnen hat, Gitarre spielen zu lernen, angefangen hat, und
der cARSCHti mit seiner Begeisterung dermaßen
ansteckt, dass dieser 1998 einige Juliane-Werding-Songs
auswendig lernt, damit Anfang 1999 exzessiv Straßenmusik macht und in der 2. Jahreshälfte mit
„Tabuthemen“ und „Liedermacher sind demnächst wieder schwer im Kommen“
sogar wieder die ersten eigenen Lieder seit vielen Jahren schreibt.
Nach dem Millenium wird cARSCHtis neuerlich anbrechende Karriere jedoch jäh
unterbrochen, als sich seine Gattin und er Anfang 2000 trennen und im Sommer auseinander ziehen. Sie ist
mittlerweile gut verdienende Psycho-Ärztin und nimmt sich eine Wohnung in
Nordhessen, wo sie seit 2 Jahren wieder in Lohn und Brot ist und es dadurch
nicht mehr ganz so weit zur Arbeit hat. Er ist immer noch mäßig
verdienender Diplom-Pädagoge, zieht in eine Kellerwohnung in der Kleinstadt
Wetter, weil die Mieten da nicht so hoch sind wie in Marburg. Um sich nach
der Scheidung wenigstens den Unterhalt leisten zu können, bewirbt er sich
auf besser bezahlte Stellen in Hessen, leider vergeblich. Aber immerhin
stellt er im Dezember aus alten und neueren Cassetten-Rekorder-Aufnahmen
seine erste CD zusammen, die den Titel des aktuellen Kult-Hits
„Liedermacher sind demnächst wieder schwer im Kommen“ trägt.
Anfang 2001 nimmt die Gattin ein unwiderstehliches Job-Angebot an und
zieht mit dem Sohn ins ostwestfälische Bad Oeynhausen, das 3 ½ Autostunden
von Marburg entfernt liegt. cARSCHti nimmt dies
zum Anlass, seinen uralten Traum umzusetzen, nach Berlin zu ziehen. Dahin
wollte er sich schon immer mal wieder flüchten, wenn ihm die Wirklichkeit
zu viel wurde. In der JVA Plötzensee, wo auch schon ein Dietrich Bonhoeffer
zu Tode kam, wird er sogar zum Assessment- Center eingeladen und auf Anhieb
erster, erster, der rausfliegt. In einer Steglitzer Jugendhilfe-Einrichtung
zieht er seine Bewerbung nach der ersten Hospitation freiwillig zurück. Da
er aber inzwischen über eine Internet-Verbindung verfügt, wird er im Sommer
auf das legendäre Liedermaching-Festival in Kevelaer aufmerksam, fährt auf Gutglück hin und knüpft dort äußerst wertvolle Kontakte
für die nächsten Jahre. Dennoch wird seine Ehe am 4. September in jenem
besagten Bad Oeynhausen geschieden, und was eine Woche später in jenem
besagten New York passiert ist, dürfte inzwischen wohl hinlänglich bekannt
sein. Trotzdem, cARSCHti ist jetzt online und
stellt Ende Oktober die allererste Version dieser Webseite ins Netz.
Auch 2002 verbringt er zunächst damit, sich zu bewerben, nicht mehr
nur für einen neuen Job sondern auch für eine neue Beziehung. Beides bleibt
jedoch wiederum erfolglos, so dass er im Spätsommer endlich akzeptiert,
sein Dasein in Zukunft als Single und ewiger AG Freizeit-Mitarbeiter zu
fristen. Nun hat er wenigstens den Kopf für neue Projekte frei und geht in
ein Studio, um seine zweite CD zu produzieren. cARSCHti
ist jedoch auch nach weit über 20 Jahren immer noch so unbedarft, dass de
dabei nicht in einem Ton-, sondern in einem Domina-Studio landet.
Entsprechend dilettantisch ist auch die Tonqualität seines nächsten
Tonträgers „Live im Studio“, der Anfang 2003 erscheint. Doch cARSCHti scheint
sich mittlerweile zu einer festen Größe in der Neuen Deutschen
Liedermaching-Szene etabliert zu haben, darf sogar zweimal Götz Widmann,
den „Godfather of Liedermaching“, supporten und ist bei entsprechenden Festivals in
Göttingen, Dortmund und Loßburg-Wittendorf
vertreten. Durch diese Erfolge beflügelt investiert cARSCHti
2004
weitere Energien, sich zu bewerben, diesmal als Liedermacher. Gleich im
Januar darf er mit seiner Kunst das Würzburger Liedermaching-Festival und
am Abend danach den 200. Marburger Abend beglücken. Er wird für Solo-
Konzerte in Biedenkopf, Ortenberg-Selters, Trebur und sogar Bonn engagiert, tritt in Zell-Kaimt an der Mosel zum ersten Mal bei einem
Liedertreffen des Liedermacher-Forums auf, darfsich
beim „Trebur Open Air 2004“ als Vorgruppe der
Vorgruppen z. B. der „Donots“ gebauchpinselt fühlen
und schafft es im September bei seiner fünften Teilnahme beim Gelderner Int. Straßenmaler-Wettbewerb sogar ins
WDR-Fernsehen, das in seiner „Aktuellen Stunde“ darüber berichtet.
Angestachelt von diesen Erfolgen beschließt cARSCHt dem Beispiel der Rolling Stones zu folgen und 2005 endgültig von der Bühne abzutreten. Er ist gerade 40
geworden, und seine letzte CD hätte eigentlich bereits im März dieses
Jahres erscheinen sollen. Dank eines Totalabsturzes seines Rechners, kann
er diese CD jedoch erst Anfang August bei einem Solokonzert im Mainzer
„Kulturcafé“ vorstellen, im Rahmen seiner „Abschiedstournée“,
die ihn u. a. auch noch in das Hamburger „Schmidt’s-Theater“
führt, wo er es unendlich genießen darf, sich vom seinerzeit noch aktuellen
FC St. Pauli-Präsidenten Corny Littmann als
„junges Talent“ in der „Mitternachtsshow“ persönlich beleidigen zu lassen.
Pünktlich zum 25jährigen Bühnenjubiläum hat cARSCHti
dann im Oktober seinen definitiv letzten Auftritt bei der „Nacht der Trubadöre“, und zwar im Monheim am Rhein, wo er 28
Jahre zuvor auch schon seine Fußballkarriere beendet hatte. Was zunächst
nur als PR-Gag gedacht war, wird 2006 jedoch bittere Realität, als im März seine Mutter stirbt. cARSCHti hat bereits kurz vorher sämtliche Termine
abgesagt und braucht in seiner Trauer mehrere Monate, bis er es im Dezember
schafft, beim Kautsch- Liedermacher-Wettbewerb in der Leipziger Moritzbastei endlich wieder seine Karriere an
Liedermacher anzugehen.
So wird 2007 dann auch eines seiner intensivsten Jahre seit langer Zeit.
Er bewältigt über 30 Auftritte, davon so viele Solo- und Doppelkonzerte wie
nie zuvor, und er nimmt außerdem seine vierte CD „Lebensmittel“ auf, die
Anfang 2008 erscheint. Wie jedes Jahr fährt er auch in diesem Sommer
mit der AG Freizeit e. V. auf Gruppenreise, diesmal an die mecklenburgische
Ostseeküste. In diesem Jahr ist jedoch alles anders. In einem
Souvenir-Laden auf der Insel Poel erwirbt er
nicht nur einen Strohhut, der ihm von einem ostalgischen
Verkäufer als „Original Honecker“ angepriesen wird und nicht mal teurer ist
als all die anderen Strohhüte in dessen Sortiment, sondern nimmt mit der
Freizeit-Band „Silberhammer“ eine gleichnamige CD auf, die Anfang 2009 erscheint. Außerdem ist cARSCHti
im März zum ersten Mal in einer Theaterrolle, und zwar der des „Lindo Underberg“ in der AG Freizeit-Revue „Die große
Freitagabendschau“ in der Marburger „Waggonhalle“, zu sehen.
Sein Beruf macht ihm nach 17 Jahren nach wie vor Spaß, und
auch sein kreatives Hobby verschafft ihm immer wieder spannende Erlebnisse,
die er nicht missen möchte. Alles prima also? Nicht ganz, denn cARSCHti sieht seinen Sohn, der im drei Autostunden
entfernten Bad Oeynhausen bei seiner Mutter lebt, höchstens einmal im
Monat, und dann sind es diese typischen Scheidungs-Väter-Kinder-Wochenenden.
Samstags spätnachmittags bei McDonald’s lässt sich das gut beobachten, wenn
sie ihre Gutschein-Bons von den Kinokarten einlösen, bevor es für die Kids
kurz darauf wieder zu Mutti geht. Eigentlich weiß er es schon länger, aber
als sein Sohn im Juni eine Krise hat und ihm nicht persönlich beistehen
kann, indem er ihn z. B. mal in den Arm nimmt, weil drei Autostunden
dazwischen liegen und er am nächsten Tag ja auch arbeiten muss, ist dies
der Auslöser für cARSCHtis Entscheidung, die
Zelte in Marburg abzubrechen und nach Bad Oeynhausen zu ziehen. Im
September beginnt er, sich in Ostwestfalen als Pädagoge zu bewerben, jedoch
ohne Erfolg. Anfang 2010 geht er auf Wohnungssuche und wird sehr schnell fündig. Im
März nimmt er Abschied aus Marburg, u. a. mit einem tränenreichen
Abschiedskonzert von der AG Freizeit e. V., aber auch mit letzten
Auftritten beim „MaNo-Festival“ und bei
„Marburger Abend“.
Ab April ist cARSCHti zum ersten Mal in seinem Leben offiziell
arbeitslos, aber ab Mai bereits schon nicht mehr, weil er sich zu einer
dieser „Maßnahmen“ überreden lassen hat, deren TeilnehmerInnen
in der offiziellen Arbeitslosen-Statistik dann nicht mehr vorkommen. Dort
bekommt er so wertvolle Bewerbungs-Tipps wie „schwereres Papier benutzen“
oder „einen Smiley auf die Bewerbungs-Mappe kleben“, damit der
„Personalentscheider“ auf einen aufmerksam wird. Der Dozent ist ein knapp
40jähriger BWL-Student und träumt davon, eines Tages selbst
„Personalentscheider“ zu werden. Er war zwar vor diesem schlecht bezahlten
Dozenten-Job selbst auf Hartz 4 und vermutlich in solch einer „Maßnahme“,
aber er verfügt immerhin über etwas Berufserfahrung als „Türsteher“,
außerdem outet er sich als stolzer Kampfhund- Besitzer. Er ist also
durchaus qualifiziert zu entscheiden, „Du kommst hier nicht rein‘“ oder
eben doch. Und er weiß sein Publikum durchaus mit Hasstiraden gegen
Bademeister (die ihm als Kind vermutlich verboten haben, vom Beckenrand zu
springen), seine Ehefrau (die mit Mario Barth liiert ist, aber mit ihm
shoppen geht) und Muslime (die sowieso alle nicht arbeiten wollen – er habe
Sarrazins Buch zwar nicht gelesen, aber die
Bild-Zeitung) ebenso zu unterhalten wie zu beleidigen. Sowas
muss sich cARSCHti jedenfalls zweimal pro Woche
anhören und bewirbt sich umso fleißiger, um dieser rechtspopulistischen
Hölle zu entkommen. Nebenbei versucht er, als Liedermacher in der neuen
Region Fuß zu fassen, mit schleppendem Erfolg. Nach Ablauf dieser
„Maßnahme“ findet er im November eine Erzieherstelle als
Krankheitsvertretung in einer kirchlichen Jugendhilfeeinrichtung und ist
nicht nur erleichtert, dass sein Sohn nicht in solch einer Einrichtung
leben muss, sondern auch, dass dieser Arbeitsvertrag auf nur drei Monate
befristet ist. Ab Februar 2011 ist cARSCHti also wiederum
arbeitslos, diesmal sogar statistisch gesehen offiziell. Chance auf ein
Leben als „Profi-Liedermacher“? Auf eine neue Herausforderung in seinem
eigentlichen Beruf als Diplom-Pädagoge? Oder einfach nur zu hoch gepokert
und dann gescheitert?
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