EXTREME & HARDCORE LIEDERMACHING

Tagebuch



zuletzt aktualisiert am
06.04.2011

 

Dienstag, 06. April 2011

Liebes Tagebuch!

 

Zum Glück hat Guido Westerwelle am Sonntag seinen Rückzug als FDP-Vorsitzender angekündigt, und zum Glück hat sich Philipp Rösler gestern spontan bereit erklärt, sich für dessen Nachfolge zu bewerben. Zum Glück ist die wichtigste Frage, ob er die wirtschafts- und sozialliberalen Flügel seiner Partei wieder zusammen zu führen vermag…

 

Zum Glück muss ich derzeit nicht darüber nachdenken, dass Japan gerade verstrahlt wird, oder dass Libyen und die Elfenbeinküste gerade in Kriegen versinken? Und wo ist eigentlich Afghanistan? Gibt es eigentlich noch den Irak? Und was gibt’s neues aus Guantanamo? Zum Glück ist das alles jetzt nicht mehr so wirklich wichtig.

 

Ich hatte mich natürlich auch beworben, aber ich werde weder FDP-Vorsitzender noch Trainer oder Manager eines Fußball-Bundesligaclubs. Auch die Sozialpädagogen-Jobs in OWL scheinen immer die anderen zu bekommen...

 

Immerhin hatte ich Samstag mein Straßenmusik-Debut in Herford. Der erste warme Frühlingstag, die Leute gut drauf, alles prima, zum Glück! J

 

Liebe Grüße

Dein cARSCHti

Mittwoch, 02. März 2011

Liebes Tagebuch!

 

Gestern rief mich ein Herr Weise von der Bundesagentur für Arbeit an. Ich guckte gerade „Frauentausch“ und war reichlich angenervt wegen der Störung. Normalerweise schreiben die Briefe, wenn sie einen wieder mal zu 1-Euro-Jobs in dubiosen Zeitarbeits-Firmen überreden wollen, aber Herr Weise versprach mir gute Bezahlung. Nun ja, es wäre zwar sicherlich ein Job auf Zeit, und man könne dabei auch mal in eine andere Abteilung verschoben werden, aber auch, dass man, wenn man dann mal zurücktreten müsse, danach wirtschaftlich locker ausgesorgt habe.

 

Ich war trotzdem skeptisch. Wären Uli Hoeneß oder Felix Magath an der Strippe gewesen, hätte ich es vielleicht noch halbwegs plausibel gefunden, aber dass die Agentur für Arbeit jetzt schon Nachfolger für zu entlassende Bundesliga-Trainer suchte, kam mit doch reichlich unglaubwürdig vor. Verarschen lassen wollte ich mich nicht und wurde pampig. Warum er diesen Job dann nicht selbst machen wolle, schnauzte ich diesen Herrn Weise an, sei doch allemal besser, als sich im Call-Center zu prostituieren.

 

Nun ja, der lästige Anrufer blieb freundlich. Ihm selbst sei der Posten vor wenigen Minuten angeboten worden, gab er zu. Aber nach Rücksprache mit seiner Frau, welche nicht so in der Öffentlichkeit stehen wolle wie die Gattin des Vorgängers, habe er abgesagt. Ich habe nicht mal eine Frau, geschweige denn für die Öffentlichkeit, entgegnete ich, aber Herr Weise versuchte mich zu beschwichtigen. Frauen seien nicht das Problem, Die Volkswagen-AG könne mir sogar welche zuführen, die auf Doktorspiele spezialisiert seien. Das Kichern beim letzten Satz war nicht zu überhören.

 

Mich überkam der furchtbare Verdacht, es ging gar nicht um Bayern oder Schalke, sondern man plante, mich als Trainer des VfL Wolfsburg zu verpflichten. Empört legte ich auf, und ich hoffe, ich habe damit nicht wieder eine Sperre (beim Arbeitslosengeld) heraufbeschworen.

 

Liebe Grüße

Dein cARSCHti

Freitag, 18. Februar 2011

Liebes Tagebuch!

 

Heute hatte ich wieder einen dieser Tage. Ich wollte den „Landarzt“ gucken, und was kam? Ein „heute-Spezial“, weil Verteidigungsminister und Polit-Star von und zu Guttenberg seine Doktorarbeit irgendwo abgeschrieben haben soll, ich glaube, aus der guten alten Gutenberg-Bibel, oder so... Die Opposition frohlockt auf alle Fälle, und sie beginnt an Wunder zu glauben, weil sie diese Verschwörung ausnahmsweise mal nicht angezettelt hat.

 

Mit Bundeswehrsoldaten, die sich in Afghanistan gegenseitig erschießen, mit deren geöffneter Feldpost oder gar mit übergewichtigen Offiziersanwärterinnen, die von ihren „Gorch Fock“-Elite-Kameraden zu Tode gemobbt werden, hatten SPD, Grüne und Linke es bis dahin nicht geschafft, den demoskopisch beliebtesten deutschen Politiker aus dem Amt zu treiben, geschweige denn den „Landarzt“ von seinem Sendeplatz. Eine andere frohlockt ebenfalls, aber sie glaubt nicht an Wunder, denn sie ist zwar keine „Wutbürgerin“, aber immerhin Protestantin, CDU-Bundesvorsitzende und Bundeskanzlerin. Bundeswehr-Skandale hätten am Ende auch auf sie zurückfallen können.

 

Immerhin musste sie in dieser Woche vor dem „Kundus“-Untersuchungsausschuss aussagen. Im afghanischen Kundus sollte sie ZivilistInnen bombardieren lassen haben, um den hessischen Roland-Koch-Vertreter und Verteidigungsminister Franz-Josef Jung aus dem Amt zu treiben, und beides war ihr ja auch gelungen. Aber dieser Guttenberg lag trotz aller Missstände bei der Bundeswehr, die sie extra inszeniert hatte, immer noch weit vor ihr in den Umfragewerten. Und das in dem Super-Wahljahr!

 

Karl-Theodor zu Guttenberg zeigt sich einsichtig. Er legt seinen Doktortitel ab, solange der Sachverhalt nicht geklärt ist. Und er soll sich sogar bereit zeigen, wieder ein Studium aufzunehmen. Beim neuen Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde Roland Jahn soll er bereits die IM-Akte „Kohls Mädchen“ angefordert haben. Aber wahrscheinlich vergeblich, denn für Dr. Angela Merkel hatte sich selbst zu DDR-Zeiten nicht einmal die Stasi interessiert.

 

Ungemach droht der Bundeskanzlerin nun allenfalls noch vom „Landarzt“. Der wird nämlich vermutlich demnächst behaupten, sie habe ihren neuen Hit „Hello again“ bei Carpendale abgeschrieben...

 

Liebe Grüße

Dein cARSCHti

Sonntag, 6. Februar 2011

Liebes Tagebuch!

 

Heute Abend hatte ich endlich mal wieder die Gelegenheit, in alten Reinhard-Mey-Erinnerungen zu schwelgen, denn ich musste am Hauptbahnhof Hamm in den Regionalexpress Richtung Minden umsteigen. Es war kurz nach 20 Uhr, und die halbe Bielefelder Uni schien um diese Zeit unterwegs zu sein, um ihre frisch gewaschene Wäsche von Muttis heimischer Ruhrgebiets-Waschmaschine zurück ins ostwestfälische Studentenwohnheim zu transportieren. Selbst in einem Bachelor-Seminar sollte man in den heutigen Zeiten schließlich adrett gekleidet sein.

 

Kurzum, der Zug war hoffnungslos überfüllt, und ich fand erst im hintersten Waggon einen Sitzplatz, und zwar inmitten einer Gruppe von Hansa-Rostock-Fans. Mir war schon ein wenig mulmig zumute, denn auch ich hatte von den zahlreichen Hooligan-Krawallen in der 3. Liga gehört und gelesen. Und nicht erst seit dem Abstieg aus der 2. Liga war der Name des letzten DDR-Meisters und mit Abstand erfolgreichsten Ost-Vereins seit der Wiedervereinigung gefallen, wenn in den Medien über gewalttätige Fan-Ausschreitungen berichtet wurde.

 

Aber ich hatte Glück. Diese jungen Leute waren gut gelaunt, denn sie kamen gerade aus Koblenz, wo ihre Hansa am Nachmittag 2:0 gewonnen hatte. Für die lange Heimreise mit diversesten Spar-Tickets hatten sie sich am Koblenzer Hauptbahnhof mit reichlich Paletten Dosenbier und einem Kreuzworträtselbuch eingedeckt. Sie waren keineswegs ungebildet, denn als ich in Hamm zustieg, waren sie bereits beim letzten Rätsel angelangt. Ich bekam sofort ein Bier angeboten, keine Minute später das nächste, und ich konnte zudem sicherlich auch noch zu dem einen oder anderen Begriff beitragen, um ihr allerletztes Rätsel zu lösen.

 

Bei dem allerletzten Begriff war aber selbst ich ratlos. Schreibt sich die Prinzessin von Hannover nun mit „C“ oder mit „K“? Ich kenne das Problem aus eigener Erfahrung, nicht wenige schreiben „cARSCHti“ oder „Carsten“ bis heute mit „K“, und ich hätte es eigentlich besser wissen müssen. Doch ich stand in diesem Moment selbst auf der Leitung, mittlerweile das zehnte Dosenbier intus und überhaupt nicht mehr daran interessiert, den „Besser-Wessi“ herauszukehren.

 

Aber zum Glück befand sich unter diesen jungen Leuten auch ein etwas älterer Zeitgenosse. Er war noch besoffener als ich, hatte die ganze Zeit geschlafen und war nur deshalb aufgewacht, weil seine Blase wieder mal dringenst danach verlangte, entleert zu werden. Nachdem er aus den vorderen Waggons mit den Bielefelder Erstsemestern zurück war, schmiss er die endgültige Lösung für jenes letzte Kreuzworträtsel in das überfüllte Abteil: „Caroline von Monaco“ schreibt sich selbstverständlich mit „C“! Und auf unsere fragenden Blicke meinte er nur: „Wenn ihr mal nicht weiter wisst, dann fragt doch einfach die Älteren!“

 

In Minden mussten sich die jungen Hansa-Rostock-Fans wohl jetzt ein neues Kreuzworträtselbuch besorgen, und ich war äußerst skeptisch, ob der Mindener Bahnhofskiosk noch geöffnet hatte. Aber das ging mich nichts mehr an, denn ich musste ja schon in Bad Oeynhausen aussteigen, ebenso wie der ältere Herr, der sich mir als Ernst oder August vorstellte. Er outete sich als 96er-Fan, hatte es aber zum Derby gegen Wolfsburg dank der verdammten DB-Spartickets nicht mehr so ganz geschafft. Aber egal, Montagmorgen habe er sowieso einen Therapietermin in einer dieser verkackten Bad Oeynhausener Psycho-Kliniken, und er nehme sich jetzt einfach ein Taxi.

 

Ich ging zu Fuß. Außerdem hatte ich gerade meinen Papa in Wuppertal besucht, der mir – angesichts meiner neuerlichen Arbeitslosigkeit – prophezeit hatte, dass dies – angesichts meines Alters – wohl auch künftig so bleiben werde. „Wenn du nicht weiter weißt, frag doch einfach die Älteren!“ – Es sieht alles danach aus, als ob ich demnächst wirklich nur noch als Liedermacher schwer im Kommen sein werde. Als Diplom-Pädagoge (was all die Jahre mein eigentlicher Beruf war), scheine ich in meinem Alter wohl jedenfalls ausgedient zu haben. Oder liegt es tatsächlich daran, wie ich bin?

 

Liebe Grüße,

Dein cARSCHti

Mittwoch, 2. Februar 2011

Liebes Tagebuch!

 

Letzte Nacht lief im WDR-Fernsehen eine Dokumentation über Dylan Thomas, den großen walisischen Dichter, der von manchen mit Shakespeare auf eine Stufe gestellt wird, und der nicht nur einen John Lennon dazu inspiriert hatte, erste eigene Texte zu schreiben, sondern auch einen Robert Zimmermann dazu, sich fortan Bob Dylan zu nennen. Einen, der seiner Kunst und seiner Alkoholsucht alles unterordnete, der im November 1953 in New York im Alter von nur 39 Jahren verstarb, nachdem er 5 Tage im Koma gelegen hatte. Auch wenn ich mich – zugegeben – längst jenseits der 40 befand, konnte ich mich voll identifizieren. Nicht nur, weil Elke Heidenreich den Text dieser Dokumentation gesprochen hatte, sondern auch, weil ich es einen schönen Tod fand, so wie Dylan Thomas zu sterben. Zugegeben, vielleicht war es für mich – jenseits der 40 – dafür zu spät, aber todesmutig ging ich in dieser Nacht trotzdem ins Bett, um mich dem Koma hinzugeben, in das ich mich wieder mal gesoffen hatte.

 

Im meinem Traum mache ich Straßenmusik, in irgendeiner beliebigen Fußgängerzone Deutschlands. Zum Schluss spiele ich „Tabuthemen“, es klingt besser als jemals zuvor, und im Traum male ich mir aus, irgendwer hätte einen Mitschnitt davon gemacht. Eine ältere Zuhörerin, die mir irgendwie bekannt vorkommt, drückt mir – während ich einpacke - 25 € in Münzen in die Hand.

 

Während ich aufwache, zähle ich nach. Aufgrund der 5er-Münzen komme ich zu dem Schluss, dass es sich wohl bloß um 25 DM handelt, aber immerhin. Denn bei der edlen Spenderin handelt es sich um keine Geringere als die Ex-Bundespräsidenten-Tochter, -Tante, -Kandidatin Uta Ranke-Heinemann. Und ich muss mich wohl in Essen befinden, auch wenn die Kettwiger Str. in echt wohl anders aussieht als in meinem Traum.

 

Egal, ich fühle mich ermutigt, Dylan Thomas seine Tradition weiterzuführen und guck erstmal „Proll-TV“, bevor ich was frühstücke.

 

Liebe Grüße,

Dein cARSCHti

 

© Carsten Kulla 2011

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