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In
den späten Abendstunden des Nikolaustages 1964
erblickt cARSCHti das Licht der Welt,
bzw. das grelle Licht eines Wuppertaler Kreißsaals –
gerade noch rechtzeitig, denn er ist ein „Sonntagskind“.
Entsprechend wohlbehütet wächst er in Wuppertals
südlichstem Ortsteil Sudberg auf, der im Volksmund
auch „das Ende der Welt“ genannt wird. Erst
nach der Einschulung 1971
lernt er mehr von der Welt kennen,
kommt in den Genuss musikalischer Früherziehung durch
einen pensionierten Musiklehrer, der ihm nicht nur
Blockflöte und Akkordeon beibringt, sondern auch
spannende Anekdoten aus zwei Weltkriegen in scheinbar
aller Herren Länder erzählt. Auf diese Art von
Bildung möchte cARSCHti auch nach seinem Wechsel
auf’s Gymnasium 1975
nicht verzichten und besucht
weiterhin diesen Musikunterricht, der ihn motiviert,
zusammen mit einigen Klassenkameraden seine erste Band
„The broken Legs“ zu gründen, die am
Rosenmontag 1976
während einer Klassenfete ihren
ersten und einzigen Auftritt feiert. 1977
besinnt sich cARSCHti seiner
sportlichen Talente und tritt nicht nur der
Fußballabteilung des „SSV 07 Sudberg“
bei, sondern auch den „Schachfreunden Vonkeln“,
wo bereits Vater und Brüder seit geraumer Zeit
aktiven Leistungssport betreiben. Die Fußballkarriere
findet nach steten Niederlagen und tränenreichen
Auswechslungen ein schnelles Ende, aber im Schach wird
cARSCHti 1978
immerhin Wuppertaler
Vize-Stadtmeister seiner Altersklasse.
Im
Mai 1979
wird cARSCHti konfirmiert und wenige
Monate später von einem Schachfreund in dessen
baptistische Jugendgruppe mitgenommen, wo angeblich mehr
Mädchen geben soll als in der Jugendabteilung des
Schachvereins. Er findet zwar nicht, wie erhofft, sofort
eine Freundin, aber innerhalb kürzester Zeit zum
Glauben, so dass er am Ende des Jahres zum zweiten Mal
getauft und selbst Baptist wird. In dieser Gemeinde lernt
er außerdem den Liedermacher Michael Hahn kennen,
einen abtrünnigen Ex-Baptisten, der dank der
Aufgeschlossenheit des neuen jungen Pastors seine
sozialkritischen Songs über gesellschaftlichen
Abstieg und Alkoholismus in einem Konzert zum Besten geben
darf. cARSCHti ist tief beeindruckt und beschließt,
selbst Liedermacher zu werden und Gitarre spielen zu
lernen. Mit nie gekanntem Ehrgeiz quält er sich auf
einer alten Wandergitarre durch die ersten Gitarrengriffe
und vernachlässigt dabei sogar so sehr die Schule,
dass er im folgenden Sommer nicht versetzt wird, also
sitzenbleibt.
Doch
am 5.
Oktober 1980 ist es endlich soweit. Im
Rahmen einer Jugendevangelisation in seiner eigenen
Gemeinde tritt cARSCHti zum ersten Mal öffentlich als
Liedermacher auf, und zwar mit dem selbstgeschriebenen
Song „Popper, Punker, Progressive“. Angespornt
durch diesen Erfolg traut er sich keine zwei Wochen später
vor ein Publikum von mehreren hundert freikirchlichen
Jugendlichen beim Talentschuppen der Gospelnight in
Leichlingen-Weltersbach. Er tritt wiederum in modischem
Bühnen-Outfit, bestehend aus „Blaumann“
und alter Wandergitarre, auf die Bühne, trägt
wiederum sein Erstlingswerk vor, diesmal allerdings nicht,
ohne sein Instrument vorher mit Hilfe einer Kombizange,
die er zum Erstaunen des Publikums aus seiner Latzhose
zaubert, nachzustimmen. Bei seinem zweiten Auftritt bringt
er junge Menschen damit nicht mehr nur zum christlichen
Glauben, sondern auch zum Lachen.
So
wird cARSCHti, der noch nicht annähernd über ein
abendfüllendes Bühnenprogramm verfügt,
Anfang 1981
für sein erstes Solokonzert in der Ev.
Freik. Gemeinde Ratingen engagiert. Immerhin strecken ihm
seine Eltern das Geld für eine richtige Gitarre vor.
Er kauft sich seine bis heute heißgeliebte Yamaha
FG-335, geht in den darauf folgenden Osterferien als
Produktionshelfer in einer Zangenfabrik zum ersten Mal im
Leben arbeiten und begleicht mit dem Lohn nicht nur die
Schulden bei seinen Eltern, sondern knüpft dadurch
auch lebenslange Bande zu seiner Gitarre. Während der
folgenden Wochen und Monate bekommt cARSCHti dann auch
immer häufiger Gelegenheit, sein umfangreicher
werdendes Repertoire vor Publikum zu präsentieren,
weil ihn sein Gemeindepastor und Mentor Reinhard Dorra,
der als genialer Prediger immer wieder für
Evangelisationen gebucht wird, als „Vorprogramm“
engagiert wird.
Alles
hätte so harmonisch weiterlaufen können, aber
1982
tobt in Wuppertal der Straßenkampf.
Samstag für Samstag versammeln sich in der
Fußgängerzone Punks aus ganz NRW und stören
den „Normalbürger“ beim Shoppen, ebenso
wie Obdachlose und Straßenmusiker. Da solch ein
störender Aufenthalt laut städtischer Verordnung
inzwischen strengstens verboten ist, versammeln sich
Samstag für Samstag auch Hundertschaften Polizei in
der Wuppertaler Fußgängerzone, um die
Störenfriede nieder zu knüppeln. Und Samstag für
Samstag wird die Straßenmusik-Combo „Fortschrott“
dafür verhaftet, dass sie mit ihren musikalischen
Mitteln dagegen protestiert. Als cARSCHti im Sommer seinen
letzten Urlaub mit den Eltern in Berlin verbringt, ist der
davon zutiefst beeindruckt. Und als er einem
Straßenmusiker auf dem Ku’damm zuhört,
beschließt er, selbst Straßenmusiker zu
werden. Der erste Versuch auf dem Ku’damm endet
jedoch aufgrund der Lautstärke des Straßenverkehrs
kläglich, so dass er den zweiten Versuch in einer
U-Bahn-Station startet. Auch hier stößt er
zunächst nicht auf allzu große Resonanz, aber
als sich nach kurzer Zeit mehrere Polizei-Hundertschaften
und ein paar BVG-Beamte um ihn versammeln, weil
Straßenmusik in Westberliner U-Bahn-Stationen noch
strenger verboten ist als Punk und Obdachlosigkeit in der
Wuppertaler Fußgängerzone, versammelt sich in
nicht minder kurzer Zeit ein Publikum, das den
jugendlichen Künstler engagiert und lautstark vor der
Staatsmacht in Schutz nimmt.
Davon
ermutigt wagt cARSCHti am Pfingstsamstag 1983
seinen ersten Auftritt in der DDR,
allerdings nicht in einer Fußgängerzone oder
U-Bahn-Station, sondern bei einem baptistischen
Jugendgruppentreffen in Berlin- Weißensee. Immerhin
lässt ihn die dortige Staatsmacht gewähren, so
dass er in den folgende Jahren häufiger in
freikirchlichen Gemeinden des Arbeiter- und Bauernstaats
auftreten wird. Im Sommer geht er zum ersten Mal auf
Straßenmusik-Tour durch Norddeutschland und
Dänemark, und der Herbst ist auch für ihn vor
allem durch die Großdemonstrationen der
Friedensbewegung geprägt. cARSCHti engagiert sich
aber nicht nur gegen die Stationierung US-amerikanischer
Mittelstreckenraketen, sondern setzt sich zusammen mit den
Redaktions-KollegInnen seiner Schülerzeitung „Chaos“
auch dafür ein, das humanistische Wuppertaler
„Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium“ in
„Friedrich-Engels-Gesamtschule“ umzubenennen
und umzuwandeln. Obwohl diese Forderung durchaus
berechtigt ist, da Herr Engels in seiner Jugend
tatsächlich als Schüler dieser Lehranstalt in
den Genuss von Latein und Grichich als Erstfremdsprache
gekommen war, stößt sie nicht unbedingt bei der
gesamten Stadtbevölkerung auf Gegenliebe, besonders
nicht bei den Lehrern von cARSCHtis Proleten-Gymnasiums im
Schulzentrum Süd, deren Kinder es einmal besser haben
sollen als jene, die von ihnen unterrichtet werden.
Das
„Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium“ bleibt also
bestehen, und ungeachtet aller Proteste sind 1984
bereits die ersten Pershing-II-Raketen in
der BRD stationiert worden. cARSCHti muss sich
eingestehen, dass man in dieser freien Welt zwar fast
alles (so lange es nicht gegen die Schule der Kinder der
eigenen Lehrer geht) sagen darf, dass sich deshalb aber
nicht zwangsläufig irgendetwas verändert,
geschweige denn verbessert. Trotzdem darf er im Frühjahr
die ersten Früchte seines politischen Engagements
ernten und wird nicht mehr nur im christlich-evangelikalen
Umfeld gebucht, sondern darf mit seinen Liedern nun auch
Arbeitslosten-Treffs in Hagen und Iserlohn einweihen und
beim Sommerfest der Düsseldorfer AWO-Jugendberatung
ein säkulares Publikum unterhalten. Während
einer Straßenmusik-Tour in den Sommerferien lernt er
außerdem die Würzburger Dichterin Wiltrud Bauer
kennen, die ihm nicht nur ihre eigenen Werke sondern auch
die des walisischen Dichters Dylan Thomas näherbringt.
cARSCHti ist davon derart begeistert, dass er exzessiv
beginnt, neben seinen Liedern auch eigene Kurzgeschichten
und Gedichte zu schreiben. Darin bestärkt wird er
übrigens durch den Unterricht seines
Literatur-Lehrers Lothar Pfennig, der ihn im letzten
Unterrichtshalbjahr am Ende doch noch überzeugt, dass
nicht alle Lehrer Kinder haben und diese auf humanistische
Gymnasien schicken müssen.
Als
cARSCHti 1985
sein Abitur macht, steht für ihn fest,
dass er Schriftsteller werden will, oder zumindest
Journalist. Doch zunächst muss er seinen Zivildienst
ableisten und tut dies in einer Wuppertaler Wohnstätte
für Erwachsene mit geistiger Behinderung. Nicht nur
der Dienstrhythmus (1 Woche 80 Stunden arbeiten, die
nächste Woche zu Ausgleich frei) gefällt ihm,
weil dieser ihm ermöglicht, jede zweite Woche zu
verreisen, sondern vor allem auch der persönliche
Umgang mit diesem Personenkreis, zu dem er bis dahin noch
nicht allzu viel Kontakt hatte. So beschließt er
1986,
Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Heil- und
Sonderpädagogik zu studieren, und als Studienort
wählt er das mittelhessische Städtchen Marburg,
weil ihm ein Wohnstätten-Kollege, der dort selbst
Anfang der 70er studiert hat, Abend für Abend
vorschwärmt, wie die Studierenden Abend für
Abend auf den Tischen getanzt hätten. An einem
Sonntag in Juni reist cARSCHti in die Party-Metropole, um
sich am nächsten Morgen an der Philipps-Universität
einzuschreiben. Am selben Abend wird er jedoch noch auf
eine Kultveranstaltung aufmerksam, wo er in den beiden
nächsten Jahrzehnten seine Heimspiele austragen wird,
nämlich dem legendären „Marburger Abend“,
der Offenen Bühne im örtlichen Kulturladen
„KFZ“.
Zum
Wintersemester nimmt cARSCHti also sein Studium auf, bzw.
das „Studentenleben“. Zwar tanzt auch in
Marburg niemand auf den Tischen, aber mit all den anderen
„Erstis“, die ebenso wie er froh sind, dem
„Hotel Mama“ entkommen zu sein, lässt es
sich durchaus gut feiern. Und die meisten davon, die
ebenso wie er in spartanischen 9qm-Zellen im
Studentenwohnheim hausen, wollen sich spätestens zum
Sommersemester verändern und mit ihm eine ein Stück
weit politisch korrekte Kommune gründen, irgendwie in
der Natur, aber zentral gelegen. Von den meisten bleibt
aber nur eine Mitinsassin übrig, mit der er im März
1987
in eine Bruchbude zieht, zwar nicht im
Grünen, aber immerhin „Am Grün“ in
der Marburger Innerstadt. Zum Einzug gibt es
Pall-Mall-Zigaretten und Asti Spumante, zum Auszug nur
noch Gift und Galle. Auch sein zweites Semester verbringt
cARSCHti also nicht nur nicht hauptsächlich an der
Uni, sondern auch nicht hauptsächlich zu Hause.
Stattdessen bewältigt er im Frühjahr und Sommer
über 150 Straßenmusik-Auftritte. Es ist sein
bis heute aktivstes Jahr als Liedermacher. Nachdem er im
Sommer nach misslungenem 2er-WG-Experiment mit Frau in
einer 3er-Männer-WG in einer Hochhaussiedlung am
Marburger Stadtrand umgezogen ist, beginnt er zu Beginn
des Wintersemesters endlich auch, sich intensiver seinem
Studium zu widmen. Bestärkt wird er darin durch
nächtelange alkoholgeschwängerte Diskussionen am
WG-Küchentisch, in denen er Bekanntschaft mit Adorno
und Habermas, ja sogar mit dem Frühwerk des späteren
Attac-Gründers und Stuttgart21-Schlichters Heiner
Geißler macht.
Zum
1. Mai 1988
reist cARSCHti nach Berlin und nimmt endlich
mal wieder an einer Großdemo teil. Erich Honecker
weiß dies zu schätzen und winkt ihm wohlwollend
zu. Der Staatsratsvorsitzende sieht ein wenig blass aus,
aber sein sommerlicher Strohhut lässt ihn lockerer
rüberkommen, als er sich vermutlich in diesem Moment
fühlt. cARSCHti ahnt noch nicht, warum, aber in
seiner Strohhut-Euphorie lässt er sich weder durch
Ochs‘ noch Esel aufhalten, am Ende des Jahres mit
seinen KommilitonInnen die Revolution auszurufen und
sämtlich Vorlesungen und Seminare am Fachbereich zu
bestreiken, um endlich die Anwesenheitspflicht
abzuschaffen. Die Alt-68er-ProfessorInnen sind begeistert,
und sie unterstützen diese Forderungen, weil sie sich
durch ihre Anwesenheitspflicht bei Lehrveranstaltungen mit
Studierenden massiv in ihrem Forschungsauftrag behindert
fühlen. Außerdem solle man während des
Studiums doch wenigstens einmal an einem Uni Streik
teilgenommen haben. Sie hätten schließlich
damals mit Rudi Dutschke auf der Barrikade gestanden und
mit Andreas Baader im Statistik-Seminar gesessen. Trotzdem
entscheidet Bundesbildungsminister Möllemann Anfang
1989,
die Anwesenheitspflicht an den Universitäten der BRD
beizubehalten. Aber immerhin enden diese Studentenproteste
nicht so blutig wie die in Peking im Juni oder Möllemanns
Fallschirmsprung 14 Jahre später.
cARSCHti
verarbeitet die Erfolglosigkeit seines Engagement, indem
er zunächst sein Vordiplom macht und in der
mündlichen Prüfung zu hören bekommt, er
wisse mehr, als er verrate, und indem er danach ein
Praktikum bei seiner späteren Arbeitgeberin, der AG
Freizeit e. V., ableistet. Er fährt im Sommer mit auf
eine Ferienfreizeit und lernt am letzten Abend ein neues
Genre kennen, die „Freizeitlieder“. Einer der
Mitarbeiter ist nämlich Olaf Michelsen, ein in den
70er Jahren in Marburg angesagter Liedermacher, und der
hat zusammen mit einem Kollegen mehrere Songtexte auf
bekannte Melodien über Leute und Ereignisse bei
dieser Freizeit geschrieben, eine Tradition, die er seit
mehreren Jahren praktiziert. cARSCHti ist von der Idee
begeistert und fragt sich, warum er da nicht selbst drauf
gekommen ist. Im Herbst befasst er sich mit dieser Frage
in seinem Praktikumsbericht. Davon ist er so abgelenkt,
dass er neuerliche Groß-Demos nur am Rande und aus
der Ferne wahrnimmt. Entsprechend freudig ist die
Überraschung, als zu seinem 25. Geburtstag
unverhoffter Besuch aus der DDR bei ihm auf der Matte
steht. Von dem erfährt er, es habe eine unblutige
Revolution gegeben. Friedliche Demonstrationen hätten
nicht nur den Rücktritt Erich Honeckers sondern auch
die Öffnung der Grenzen bewirkt. cARSCHti ist
wiederum begeistert, dass man mit politischem Engagement
offensichtlich doch etwas erreichen kann. Doch diese
Euphorie weicht 1990
nach dem Ausgang der Volkskammerwahl im
März, der Einführung der D-Mark im Juli und dem
Anschluss im Oktober einem Gefühl der Ohnmacht,
wieder einmal nicht gefragt worden zu sein. Auch die
wenigen Straßenmusik-Auftritte im Sommer werden für
lange Zeit die letzten gewesen sein.
So
widmet sich cARSCHti 1991
seiner Diplomarbeit und jobbt schon nebenher
in seinem künftigen Beruf. Nach Ende seines Studiums
hat er im August 1992
das Glück, gleich eine Festanstellung
als Diplom-Pädagoge zu finden, und zwar bei der AG
Freizeit e. V., wo er drei Jahre zuvor bereits Praktikum
gemacht hatte. Im Herbst schreibt er dann auch die ersten
eigenen „Freizeitlieder“, von denen bis zu
seinem Abschied über 100 weitere folgen werden. Als
er sich im Juli 1993
dann endlich auch die erste eigene Wohnung
leisten kann und nach 6 Jahren politisch korrekter
Männer-WG ins berüchtigte Marburger
Bahnhofsviertel umzieht, ist sein Single-Glück jedoch
nur von kurzer Dauer, denn er verliebt sich unsterblich in
eine hochbegabte Medizin-Studentin, die erst den Hund
ihrer Eltern, die in Urlaub fahren, während sie ihr
Studium mit Nachtwachen im Altenheim finanzieren muss, bei
ihm probewohnen lässt und dann nach und nach selbst
bei ihm einzieht und ihren eigenen Privatzoo mitbringt, so
lange, bis er sie 1994
mit einem rauschenden Fest im Marburger
Schlosspark heiratet und im Oktober 1995,
nachdem sie schon gedroht hatte, seine Spermienqualität
medizinisch überprüfen zu lassen, mit einem
berauschenden Akt an einer heidnischen Kultstätte
schwängert. Da dem Ehepaar das Umfeld des Marburger
Hauptbahnhofs nicht unbedingt kindgerecht erscheint, zieht
er im Frühsommer 1996
in das Keine-100-Seelen-Dorf Ilschhausen um,
und am 1. Juli erblickt cARSCHtis Sohn Milan das Licht der
Welt. Da die Gattin mittlerweile ÄiP (Ärztin im
Praktikum) ist und auch diesen letzten Schritt ihrer
Ausbildung noch erfolgreich bewältigen möchte,
geht der Papa nach dem Mutterschutz in Erziehungsurlaub.
Ilschhausen ist schnell vermüllt, so dass die junge
Familie fluchtartig ins nordhessische Neukirchen am Knüll
umzieht, wo die Klinik der Gattin eine komfortable
Dienstwohnung unterhält und vermietet. cARSCHti
verbringt mit dem kleinen Sohn u. a. viel Zeit auf dem
Spielplatz, wo er sich tagtäglich von alles besser
wissenden Müttern, deren Ehemänner niemals
Erziehungsurlaub nehmen würden, sondern anständig
arbeiten gehen, anhören muss, dass Väter eben
doch nicht die besseren Mütter sind. So ist er ganz
froh, als die Gattin 1997
nicht von ihrer Klinik übernommen wird
und es im Juni zurück Richtung Marburg geht, bzw. ins
ca. 17 km entfernte Dörfchen Treisbach. Im Juli nimmt
er wieder seine Arbeit bei der AG Freizeit e. V. auf, wo
auch der junge ZDL Stefan Eilers, der gerade mit
Begeisterung begonnen hat, Gitarre spielen zu lernen,
angefangen hat, und der cARSCHti mit seiner Begeisterung
dermaßen ansteckt, dass dieser 1998
einige Juliane-Werding-Songs auswendig
lernt, damit Anfang 1999
exzessiv Straßenmusik macht und in der
2. Jahreshälfte mit „Tabuthemen“ und
„Liedermacher sind demnächst wieder schwer im
Kommen“ sogar wieder die ersten eigenen Lieder seit
vielen Jahren schreibt.
Nach
dem Millenium wird cARSCHtis neuerlich anbrechende
Karriere jedoch jäh unterbrochen, als sich seine
Gattin und er Anfang 2000
trennen und im Sommer auseinander ziehen.
Sie ist mittlerweile gut verdienende Psycho-Ärztin
und nimmt sich eine Wohnung in Nordhessen, wo sie seit 2
Jahren wieder in Lohn und Brot ist und es dadurch nicht
mehr ganz so weit zur Arbeit hat. Er ist immer noch mäßig
verdienender Diplom-Pädagoge, zieht in eine
Kellerwohnung in der Kleinstadt Wetter, weil die Mieten da
nicht so hoch sind wie in Marburg. Um sich nach der
Scheidung wenigstens den Unterhalt leisten zu können,
bewirbt er sich auf besser bezahlte Stellen in Hessen,
leider vergeblich. Aber immerhin stellt er im Dezember aus
alten und neueren Cassetten-Rekorder-Aufnahmen seine erste
CD zusammen, die den Titel des aktuellen Kult-Hits
„Liedermacher sind demnächst wieder schwer im
Kommen“ trägt.
Anfang
2001
nimmt die Gattin ein unwiderstehliches
Job-Angebot an und zieht mit dem Sohn ins ostwestfälische
Bad Oeynhausen, das 3 ½ Autostunden von Marburg
entfernt liegt. cARSCHti nimmt dies zum Anlass, seinen
uralten Traum umzusetzen, nach Berlin zu ziehen. Dahin
wollte er sich schon immer mal wieder flüchten, wenn
ihm die Wirklichkeit zu viel wurde. In der JVA Plötzensee,
wo auch schon ein Dietrich Bonhoeffer zu Tode kam, wird er
sogar zum Assessment- Center eingeladen und auf Anhieb
erster, erster, der rausfliegt. In einer Steglitzer
Jugendhilfe-Einrichtung zieht er seine Bewerbung nach der
ersten Hospitation freiwillig zurück. Da er aber
inzwischen über eine Internet-Verbindung verfügt,
wird er im Sommer auf das legendäre
Liedermaching-Festival in Kevelaer aufmerksam, fährt
auf Gutglück hin und knüpft dort äußerst
wertvolle Kontakte für die nächsten Jahre.
Dennoch wird seine Ehe am 4. September in jenem besagten
Bad Oeynhausen geschieden, und was eine Woche später
in jenem besagten New York passiert ist, dürfte
inzwischen wohl hinlänglich bekannt sein. Trotzdem,
cARSCHti ist jetzt online und stellt Ende Oktober die
allererste Version dieser Webseite ins Netz.
Auch
2002
verbringt er zunächst damit, sich zu
bewerben, nicht mehr nur für einen neuen Job sondern
auch für eine neue Beziehung. Beides bleibt jedoch
wiederum erfolglos, so dass er im Spätsommer endlich
akzeptiert, sein Dasein in Zukunft als Single und ewiger
AG Freizeit-Mitarbeiter zu fristen. Nun hat er wenigstens
den Kopf für neue Projekte frei und geht in ein
Studio, um seine zweite CD zu produzieren. cARSCHti ist
jedoch auch nach weit über 20 Jahren immer noch so
unbedarft, dass de dabei nicht in einem Ton-, sondern in
einem Domina-Studio landet. Entsprechend dilettantisch ist
auch die Tonqualität seines nächsten Tonträgers
„Live im Studio“, der Anfang 2003
erscheint. Doch cARSCHti scheint sich
mittlerweile zu einer festen Größe in der Neuen
Deutschen Liedermaching-Szene etabliert zu haben, darf
sogar zweimal Götz Widmann, den „Godfather of
Liedermaching“, supporten und ist bei entsprechenden
Festivals in Göttingen, Dortmund und
Loßburg-Wittendorf vertreten. Durch diese Erfolge
beflügelt investiert cARSCHti 2004
weitere Energien, sich zu bewerben, diesmal
als Liedermacher. Gleich im Januar darf er mit seiner
Kunst das Würzburger Liedermaching-Festival und am
Abend danach den 200. Marburger Abend beglücken. Er
wird für Solo- Konzerte in Biedenkopf,
Ortenberg-Selters, Trebur und sogar Bonn engagiert, tritt
in Zell-Kaimt an der Mosel zum ersten Mal bei einem
Liedertreffen des Liedermacher-Forums auf, darf sich beim
„Trebur Open Air 2004“ als Vorgruppe der
Vorgruppen z. B. der „Donots“ gebauchpinselt
fühlen und schafft es im September bei seiner fünften
Teilnahme beim Gelderner Int. Straßenmaler-Wettbewerb
sogar ins WDR-Fernsehen, das in seiner „Aktuellen
Stunde“ darüber berichtet.
Angestachelt
von diesen Erfolgen beschließt cARSCHt dem Beispiel
der Rolling Stones zu folgen und 2005
endgültig von der Bühne
abzutreten. Er ist gerade 40 geworden, und seine letzte CD
hätte eigentlich bereits im März dieses Jahres
erscheinen sollen. Dank eines Totalabsturzes seines
Rechners, kann er diese CD jedoch erst Anfang August bei
einem Solokonzert im Mainzer „Kulturcafé“
vorstellen, im Rahmen seiner „Abschiedstournée“,
die ihn u. a. auch noch in das Hamburger
„Schmidt’s-Theater“ führt, wo er es
unendlich genießen darf, sich vom seinerzeit noch
aktuellen FC St. Pauli-Präsidenten Corny Littmann als
„junges Talent“ in der „Mitternachtsshow“
persönlich beleidigen zu lassen. Pünktlich zum
25jährigen Bühnenjubiläum hat cARSCHti dann
im Oktober seinen definitiv letzten Auftritt bei der
„Nacht der Trubadöre“, und zwar im
Monheim am Rhein, wo er 28 Jahre zuvor auch schon seine
Fußballkarriere beendet hatte. Was zunächst nur
als PR-Gag gedacht war, wird 2006
jedoch bittere Realität, als im März
seine Mutter stirbt. cARSCHti hat bereits kurz vorher
sämtliche Termine abgesagt und braucht in seiner
Trauer mehrere Monate, bis er es im Dezember schafft, beim
Kautsch- Liedermacher-Wettbewerb in der Leipziger
Moritzbastei endlich wieder seine Karriere an Liedermacher
anzugehen.
So
wird 2007
dann auch eines seiner intensivsten Jahre
seit langer Zeit. Er bewältigt über 30
Auftritte, davon so viele Solo- und Doppelkonzerte wie nie
zuvor, und er nimmt außerdem seine vierte CD
„Lebensmittel“ auf, die Anfang 2008 erscheint.
Wie jedes Jahr fährt er auch in diesem Sommer mit der
AG Freizeit e. V. auf Gruppenreise, diesmal an die
mecklenburgische Ostseeküste. In diesem Jahr ist
jedoch alles anders. In einem Souvenir-Laden auf der Insel
Poel erwirbt er nicht nur einen Strohhut, der ihm von
einem ostalgischen Verkäufer als „Original
Honecker“ angepriesen wird und nicht mal teurer ist
als all die anderen Strohhüte in dessen Sortiment,
sondern nimmt mit der Freizeit-Band „Silberhammer“
eine gleichnamige CD auf, die Anfang 2009
erscheint. Außerdem ist
cARSCHti im März zum ersten Mal in einer
Theaterrolle, und zwar der des „Lindo Underberg“
in der AG Freizeit-Revue „Die große
Freitagabendschau“ in der Marburger „Waggonhalle“,
zu sehen.
Sein
Beruf macht ihm nach 17 Jahren nach wie vor Spaß,
und auch sein kreatives Hobby verschafft ihm immer wieder
spannende Erlebnisse, die er nicht missen möchte.
Alles prima also? Nicht ganz, denn cARSCHti sieht seinen
Sohn, der im drei Autostunden entfernten Bad Oeynhausen
bei seiner Mutter lebt, höchstens einmal im Monat,
und dann sind es diese typischen
Scheidungs-Väter-Kinder-Wochenenden. Samstags
spätnachmittags bei McDonald’s lässt sich
das gut beobachten, wenn sie ihre Gutschein-Bons von den
Kinokarten einlösen, bevor es für die Kids kurz
darauf wieder zu Mutti geht. Eigentlich weiß er es
schon länger, aber als sein Sohn im Juni eine Krise
hat und ihm nicht persönlich beistehen kann, indem er
ihn z. B. mal in den Arm nimmt, weil drei Autostunden
dazwischen liegen und er am nächsten Tag ja auch
arbeiten muss, ist dies der Auslöser für
cARSCHtis Entscheidung, die Zelte in Marburg abzubrechen
und nach Bad Oeynhausen zu ziehen. Im September beginnt
er, sich in Ostwestfalen als Pädagoge zu bewerben,
jedoch ohne Erfolg. Anfang 2010
geht er auf Wohnungssuche und wird sehr
schnell fündig. Im März nimmt er Abschied aus
Marburg, u. a. mit einem tränenreichen
Abschiedskonzert von der AG Freizeit e. V., aber auch mit
letzten Auftritten beim „MaNo-Festival“ und
bei „Marburger Abend“.
Ab
April ist cARSCHti zum ersten Mal in seinem Leben
offiziell arbeitslos, aber ab Mai bereits schon nicht
mehr, weil er sich zu einer dieser „Maßnahmen“
überreden lassen hat, deren TeilnehmerInnen in der
offiziellen Arbeitslosen-Statistik dann nicht mehr
vorkommen. Dort bekommt er so wertvolle Bewerbungs-Tipps
wie „schwereres Papier benutzen“ oder „einen
Smiley auf die Bewerbungs-Mappe kleben“, damit der
„Personalentscheider“ auf einen aufmerksam
wird. Der Dozent ist ein knapp 40jähriger BWL-Student
und träumt davon, eines Tages selbst
„Personalentscheider“ zu werden. Er war zwar
vor diesem schlecht bezahlten Dozenten-Job selbst auf
Hartz 4 und vermutlich in solch einer „Maßnahme“,
aber er verfügt immerhin über etwas
Berufserfahrung als „Türsteher“, außerdem
outet er sich als stolzer Kampfhund- Besitzer. Er ist also
durchaus qualifiziert zu entscheiden, „Du kommst
hier nicht rein‘“ oder eben doch. Und er weiß
sein Publikum durchaus mit Hasstiraden gegen Bademeister
(die ihm als Kind vermutlich verboten haben, vom
Beckenrand zu springen), seine Ehefrau (die mit Mario
Barth liiert ist, aber mit ihm shoppen geht) und Muslime
(die sowieso alle nicht arbeiten wollen – er habe
Sarrazins Buch zwar nicht gelesen, aber die Bild-Zeitung)
ebenso zu unterhalten wie zu beleidigen. Sowas muss sich
cARSCHti jedenfalls zweimal pro Woche anhören und
bewirbt sich umso fleißiger, um dieser
rechtspopulistischen Hölle zu entkommen. Nebenbei
versucht er, als Liedermacher in der neuen Region Fuß
zu fassen, mit schleppendem Erfolg. Nach Ablauf dieser
„Maßnahme“ findet er im November eine
Erzieherstelle als Krankheitsvertretung in einer
kirchlichen Jugendhilfeeinrichtung und ist nicht nur
erleichtert, dass sein Sohn nicht in solch einer
Einrichtung leben muss, sondern auch, dass dieser
Arbeitsvertrag auf nur drei Monate befristet ist.
Ab
Februar 2011
ist cARSCHti also wiederum arbeitslos,
diesmal sogar statistisch gesehen offiziell. Nach
vergeblichen Bewerbungen als Diplom-Pädagoge und
nicht minder vergeblichen Versuchen, als
„Profi-Liedermacher“ Fuß zu fassen,
endet er im Sommer schließlich auf Hartz 4 und wird
auf die wesentlichen Dinge im Leben reduziert. Er lernt
immer mehr, mit immer weniger Geld auszukommen, schreibt
weiterhin seine Bewerbungen und nutzt seine –
zugegeben – reichliche freie Zeit aber auch dazu,
neue Songs aufzunehmen und ab Oktober seinen ersten Roman
„Neuneinhalb“ zu schreiben, den er nach
dreimonatiger disziplinierter Arbeit Anfang 2012
auch fertigstellt. Außerdem hat er zum
Jahreswechsel sein Auto abgeschafft und ist nun nach fast
zwei Jahrzehnten wieder als Fußgänger
unterwegs...
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 Wuppertal
1965
 Wuppertal
1971
 Wuppertal
1979
 Wuppertal
1981
 Berlin
/ DDR 1982
 Geldern
1983
 Berlin
/ DDR 1983
 Aachen
1986
 Marburg
1987
 Mücke
1989
 Porto
Roz / SLO 1994
 Marburg
1994
 Straßburg
/ F 1995
 Marburg
1995
 Marburg
2002
 Hamburg
2005
 Leipzig
2006
 Trebur
2007
 Diera-Zehren
2007
 Geldern
2008
 Bad
Münster 2008
 Marburg
2009
 Kevelaer
2009
 Vienenburg-Lochtum
2010
 Herford
2010
 Bremen
2011
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